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Turin Schnee und Schokolade

Von Anette Rübesamen aus WAMS v. 7.12.03

 

Info:

Turismotorino, Auskunftsbüro Palazzo Madama, Piazza Castello, Turin, Tel. 0039/011/53 5181, www.turismotorino.org;

Montagnedoc (Vereinigung der „olympischen Berge Turin 20061, Susa (TO), Tel. 0039/0122/ 62 38 66, www.montagnedoc.it

 


Die nächsten Olympischen Winterspiele finden in Turin statt. Die Stadt und die Dörfer ringsum bieten reichlich Abwechslung, für Skifahrer und Genießer.

Draußen ist es kalt. Nieselregen fällt, und auf den nassen Pflastersteinen der Via Po spiegeln sich Auto­lichter. Die heiße Schokolade, die der Kellner des Fioro" vor uns hinstellt, dampft und ist so dick, dass ans Trinken nicht zu denken ist. Was tun? Natürlich das, was die Turiner auch tun, wie ein kur­zer Rundblick durchs Lokal ergibt: Löffeln, und zwar langsam und mit Genuss! Nur so lässt sich die­sem Gottestrank die verdiente Eh­re erweisen. Wir sitzen auf plüschi­gen Samtsofas unter Stuck und Kronleuchtern, tauchen den Löffel ein und haben den Verdacht, dass wir hier so bald nicht mehr aufstehen werden.

Nasskalte Wintertage mögen im traditionell schlecht geheizten Ita­lien etwas Unerfreuliches darstel­len; für einen Besuch in Turin aber kann man sich fast nichts Besseres wünschen. Denn die 900 000 Einwohner-Stadt im Nordwesten Italiens, bekannt als Fiat-Town und 2006 Austragungsort der Olympi­schen Winterspiele, besitzt einen eigenen, fast unitalienischen Charme. Sie überrascht nicht nur mit der feierlichen Eleganz einer savoyardischen Residenzstadt, mit Plätzen und Palästen von hinrei­ßender barocker Pracht. Nein, Tu­rin verfügt außerdem über 18 Kilo­meter Portici - Arkadengänge, in denen man selbst bei Sturm und Schneetreiben trockenen Fußes durch die Innenstadt bummeln kann. Entlang der Via Po zum Bei­spiel, die sich sanft zum Fluss hinabsenkt. Oder rund um die baro­cke Piazza San Carlo, den Salon Turins. Hier liegen nicht nur die teuersten Boutiquen, hier lockt auch ,,Stratta", Turins feinster Bon­bonkocher, vor dessen Schaufens­ter Damen auf Diät regelmäßig mit Ohnmachtsanfällen kämpfen. In Turin wurde übrigens nicht nur der Fiat erfunden, sondern auch die Schokoladentafel. Und die Turiner Gianduiotti - Nougatstückchen, die während der Belagerung durch Napoleon erfunden wurden, als man die knapp gewordene Kakao­butter durch Haselnüsse ersetzte.

Noch etwas spricht für Turin im Winter: die historischen Kaffeehäuser. Das schon erwähnte „Fiorio" zum Beispiel, aber auch das „Caffè Torino", das Piatti", das „Baratti & Milano". Sie alle bewir­teten in ihren Salons bereits im 19. Jahrhundert Großbürger, Künstler und Literaten. Besonders gemüt­lich ist es in den Kaffeehäusern, wenn draußen dichter Nebel - eine weitere Turiner Winterspezialität - wattedick über der Stadt liegt und ihre Konturen weich zeichnet. Bei derartigen Sichtverhältnis­sen finden wir die Luci d’Artista schon aus Gründen der Orientie­rung lobenswert! Dabei geht es hier in erster Linie um Höheres: um die Kunst. Bis Anfang Januar erstrahlt die Stadt im lichte einer Weihnachtsbeleuchtung, die ganz ohne die üblichen Sterne und Ko­metenschweife auskommt. 17 internationale Künstler haben extra für Turin . Lichtinstallationen ent­wickelt, die die Stadt in ein leuch­tendes Open-Air-Museum verwan­deln. Kleine, phosphoreszierende Heiligenscheine, die hoch über dem Po über dem Monte dei Cappuccini schweben. Riesige, aus Plastikflaschen geformte Schnee­bälle in der Via Lagrange. Eine rot leuchtende Zahlenreihe, die die Mole Antonelliana hinauf zu klettern scheint, jenes Turiner Wahrzeichen, das nicht nur unter der Weihnachtsbeleuchtung auffällt: Ein giraf­fenartig wirkendes Bauwerk mit langem Turm, das 1863 als Synagoge erbaut, doch als sol­che nie genutzt wurde. Heute beherbergt es Italiens schöns­tes Filmmuseum. Im Winter ist es gemütlich beheizt. Eben­so das Museo Egizio, eines der wichtigsten ägyptischen Museen der Welt, und die Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli, mit der der 2002 verstorbene Fiat Patron der Stadt einen Teil seiner wert­vollen Kunstsammlung vermachte. Die Pinacoteca liegt im Lingotto, dem ehemaligen Fiat Produktionswerk von 1917, das nach dem Um­bau durch Renzo Piano ein Messezentrum samt Hotel und Shop­pingmeile beherbergt. Auf dem Dach des Lingotto, seinerzeit eine weltberühmte Autoteststrecke mit Steilkurven, tummeln sich heute Jogger und Spaziergänger.

Vor allem an schönen Tagen, denn mit denen muss man im Turiner Winter durchaus rechnen. Strahlende Wintertage mit einer Weitsicht, dass uns der Atem stockt: Die Viertausender der Westalpen, schneebedeckt, umstehen Turin in einem weiten Halbrund und scheinen so nahe, dass wir uns nach Wegweisern zum nächsten Sessellift umzuse­hen beginnen. Hatten wir uns im Nebeldunst noch zweifelnd ge­fragt, wo in der: flachen Poebene wohl olympische Disziplinen wie Skisprung und Super-G ausgetragen werden würden, so wissen wir jetzt Bescheid. Im Susa- und im Chisonetal, 60 bis 100 Kilometer von der Stadt entfernt, liegen die Austragungsorte der meisten Wettbewerbe. In Turin selbst finden sämtliche Eissportarten statt und die Zeremonien, hier entstehen Presse- und Athletendörfer - und endlich auch eine U-Bahn, die pünktlich zu den Spielen fertig werden soll. So eifrig wird überall gegraben und gebaut, dass der Verkehr derzeit oft völlig zum Erliegen kommt. Weshalb sich die olympische Begeisterung des ge­meinen Turiners momentan in Grenzen hält.



Die ist dafür umso ausgeprägter in den Schneedörfern ringsum. In Sestrière zum Beispiel: Schick und sportlich, aber nicht schön, - so lässt sich der Skiort aus der Retorte beschreiben, der 1930 von Fiat Gründer Giovanni Agnelli aus dem Almboden gestampft wurde. Wer heimelige Dorfatmosphäre sucht, wird allenfalls in den Ortsteilen Borgata und Champlas fündig. Im Übrigen liegt der architektonische Reiz von Sestrière, das ganz un französisch auf der ersten Silbe betont wird, in seinen auffal­lenden, zylindrischen Hoteltürmen aus den 30er Jahren und, natürlich, in der hochalpinen Szenerie. Skifahrer finden zu Füßen des dominanten Gipfels des Monte Rognosa schier endlose Möglichkeiten. Sestrière ist schließlich das am höchsten ge­ legene Einstiegsportal in den Via Lattea - Milchstraße - genannten Liftverbund, der mit 400 Pistenkilometern (von de­ nen einige in Frankreich liegen) eines der größten Skigebiete der Alpen darstellt.

Als Wettkampfort hat das schneesichere Sestrière, auf dessen Pisten im Februar 2006 fast alle olympischen Alpin­Skidisziplinen ausgetragen wer­den, Tradition. Seit 1967 gingen hier 100 World-Cup-Rennen über die Bühne, 1997 gar eine alpine Ski-WM.

In Deutschland nahezu unbe­kannt ist dagegen das 1300 Meter hoch gelegene Bardonecchia mit seinen 110 Pistenkilometern, 23 Liften und 1500 Gästebetten. Kein Wunder: Die große Masse der Be­sucher sind Turiner. In seinem oberen Teil rund um die Piazza des Ambrois hat Bardonecchia noch einiges vom alten Charme bewahrt. Auch die Via Medail ist mit ihren Feinkostläden, Bou­tiquen und Bars wie geschaffen für einen gemütlichen Après-Ski Bummel. Die tiefer gelegenen Stadtteile dagegen zeichnen sich durch uniforme Apartmenthäuser aus. Skigefahren wird in Bar­donecchia an den Flanken der Berge Colomin, Melezet und Jaffereau; die Pisten sind überwie­gend leicht bis mittelschwer. Wintersport ist eine gemütliche Angelegenheit in Bardonecchia, dessen Gäste gutes Essen und ein Sonnenbad im Liegestuhl min­destens ebenso schätzen wie eine rasante Abfahrt. Bei den Winter­spielen treten hier die Snow­boarder an.

Ein Alpenstädtchen wie aus dem Bilderbuch ist Cesana Torinese, der Angelpunkt des Skigebietes Via Lattea. Vom auf 1300 Meter im Talgrunde gelegenen Ortskern lif­ten sich Skifahrer entweder zu den Pisten von Sauze d'Oulx und Se­strière hinauf, oder auf der ande­ren Talseite zu den Abfahrten von Clavière und dem schon auf fran­zösischem Boden liegenden Montgenèvre. Cesana selbst, in dessen guter Luft sich schon Italiens Meis­terdichter Vittorio Alfieri zum Schreiben zurückzog, hat einen malerischen Ortskern, in dem von den wintersportlichen Aktivitäten der Umgebung nichts zu spüren ist. Wirklich sehenswert ist Cesanas Pfarrkirche, die romanischen Ursprungs ist. Sansicario dagegen, das fünf Kilometer weit weg und 400 Meter höher liegt, ist eine mo­derne, ganz auf Tourismus aus­gerichtete Retortenstation. Hier finden im Rahmen von Olympia die Biathlon-Wettkämpfe sowie der Super-G der Damen statt - der richtige Ort für alle, die Pistenkilo­meter „abreißen" wollen.